“Tag und Nacht gebücket dienen…”
Wir leiteten ein Eheseminar. Am Vormittag hielten wir eine Zeit der Stille vor Gott mit Lobpreis und Anbetung. Neben den heute bekannten Anbetungsliedern sangen wir auch Lobchoräle der alten Kirche. So kam auch Tersteegens „Gott ist gegenwärtig“ an die Reihe. Auf der Folie hatten wir eine Einteilung vorgenommen:1.Strophe die Männer: “Gott ist gegenwärtig, lasset uns anbeten und in Ehrfurcht vor ihn treten…“ 2.Strophe die Frauen, dann lesen wir miteinander eine Strophe und singen eine gemeinsam.
In der Pause kam eine Frau auf mich zu. Sie war mir aufgefallen als eine Frau, die aktiv mitging, viele Fragen und Beiträge einbrachte. Sie wirkte selbstbewusst und eher etwas dominant. Ihr Mann war still und zurückhaltend, gutmütig und eher unterwürfig.
„Habt ihr die Strophen bewusst so ausgewählt und den Männern und Frauen zugeordnet?“ Ich wusste nicht recht, was die Frage sollte. Aber sie klärte mich rasch auf. – „Die Männer dürfen singen:...in Ehrfurcht vor ihn treten“, die Frauen aber: …Tag und Nacht gebücket dienen…und:…wenn auch wir Geringen unsre Opfer bringen. Ein typisch patriarchalisches Frauenbild!“
Schon wollte ich schallend lachen über diese Feststellung. Ich wäre nicht im entferntesten auf solch eine Überlegung gekommen. Doch blitzschnell begriff ich ihr ‘Problem’: eine Lebenswunde war bei ihr aufgebrochen. Ich konnte ihre ‘Befürchtungen’ zerstreuen.
Eigentlich hätte ich diese kurze Episode beiseite legen können. Doch immer wieder stand mir die Aussage dieser Frau vor Augen. Mir wurde bewusst, wie stark Lebenswunden unser Denken und Verhalten prägen.
Lebenswunden gibt es nicht nur bei Einzelschicksalen. Es gibt auch so etwas wie eine ‘Kollektivwunde im Leib Christi’, der christlichen Gemeinde, bei Männern und Frauen.
Da stehen die Männer in Ehrfurcht – oder ist es nur Ehrfurcht gebietend? – vorne im Gottesdienst der Gemeinde und teilen das Abendmahl aus, lesen die Bekanntmachungen oder halten die Predigt. Sie bilden das Gremium der Ältesten. Wenn sie dienen, dann dienen sie ‘am Wort’,- das aber nicht gebücket. Sie nehmen voll die Stellung ein, die die Bibel ihnen angeblich zugedacht hat. Und sie sind stolz darauf, so vor den Herrn treten zu dürfen. Das gibt ihnen auch Bestätigung und Ansehen.
Selbstverständlich gibt es auch Frauen in der Gemeinde. Mehr als Männer. Viel mehr! Und sie lassen sich mit dem ‘Worte dienen’ von denen, die in Ehrfurcht vor ihn treten! Auch die Frauen dienen. Sie dienen gebücket beim Reinigen der Kapelle oder des Gemeindesaals. Sie dienen beim Kuchen backen für das Gemeindefest. Sie dienen in der Sonntagschule und in der Frühgebetsstunde. Gebücket, in der Stille, im Hintergrund, im Verborgenen. Und sie bringen ihre Opfer an Zeit und Kraft, an Hingabe und Einsatz, und das sind keine geringen! Aber sie haben nichts oder nur wenig zu sagen in der Gemeinde.
Das mag nun alles sehr ironisch klingen. Aber es ist nicht so gemeint. Die Geschichte mit dem Tersteegen-Lied hat mir Wunden in der christlichen Gemeinde der verschiedensten Schattierung sichtbar gemacht, die noch in den Prozess der Heilung geführt werden müssten. Ich denke, dass dabei wir Männer einen wichtigen Beitrag dazu leisten könnten, indem auch wir unsere Opfer bringen. Bei diesen Opfern mag es sich vor allem darum handeln, dass Männer den Frauen den Raum schaffen und freigeben, damit auch sie ihre Gaben und Fähigkeiten einbringen können. Auch und gerade ihre geistlichen Gaben. Denn auch sie können und wollen in Ehrfurcht vor ihn treten und nicht nur gebücket dienen.
