WG-Heinzelmännchen

Mittwochabend gegen 23.30 Uhr in unserer WG-Küche: Ich schäle, schneide und zerhacke kiloweise Zwiebeln und anderes Gemüse für meine Geburtstagsnachfeier am nächsten Abend. Alles wird amüsiert kommentiert von zwei meiner Mitbewohnerinnen, die die Ladepause ihres Films mit der Beobachtung meiner kleinen Küchenszene überbrücken.

Bis circa 22.00 Uhr war ich noch der Meinung, dass es eine tolle Idee wäre, den Gästen Essen anzubieten, dass sie sich selbst zusammenstellen können: Selfmade-Döner. Blöd nur, dass die Zutaten vorher irgendwie auf dönertaugliche Größe zerkleinert werden müssen. Und zwar alle. Nach einer Stunde Schnippeln habe ich die Nase voll. Dass mir keiner meiner Mitbewohner geholfen hat, bringt mich außerdem in eine emotionale Zwickmühle: Ich bin hin- und hergerissen zwischen der Wut darüber, dass keiner mit anfassen wollte und der Entschuldigung, dass ja niemand dazu verpflichtet war. Klar, meine Feier – mein Gemüse.

Zoonar/thinkstock.de

Trotzdem wäre es nett gewesen. Aber eine WG ist manchmal eben doch mehr Zweckgemeinschaft als Familie. An anderen Tagen ist es dann wieder umgekehrt. Man weiß nie so genau. Dafür ist das WG-Konzept irgendwie zu dehnbar und zu individuell. In einer Familie oszilliert das Klima zwischen Krieg und Kuscheln – in einer WG auch. Aber hier ist keiner für den anderen verantwortlich. Wenn man sich streitet, ist man nicht dem mahnenden Blick von Mutti ausgesetzt, der alle Beteiligten zur Versöhnung nötigt. Wenn ich verschlafe, kann ich niemanden beschuldigen, mich nicht geweckt zu haben. Es gibt einfach nur wenige Verbindlichkeiten außerhalb des Putzplans. Vielleicht sollte mal jemand einen WG-Knigge schreiben. Aber wo bliebe dann unsere Freiheit?

Es gibt also zwei Möglichkeiten: Entweder schraube ich meine Erwartungen runter, damit ich mich nicht über einsame Gemüse-Stunden ärgern muss. Oder wir erhöhen die Verpflichtungen für alle und stellen Verhaltensregeln auf. Bevor ich meine zweihundert Thesen zum WG-Knigge an die Wohnungstür hämmere, berate ich mich aber am besten mal mit meinen Mitbewohnern. Eine Idee für die erste Regel wäre nämlich: „Lasst uns drüber reden.“ Ist zwar nicht besonders originell, aber nützlich.

Solange bis der WG-Rat tatsächlich tagt, bleibe ich bei der ersten Möglichkeit: Sollte der Status Quo mal wieder eher einem „Aushalten“ entsprechen, werde ich mich einfach ganz besonders über die Momente freuen, in denen ein Hauch von Familien-Feeling aufkommt. Schon morgen könnte ja wieder das Grauen im Kühlschrank lauern und den Haussegen schief hängen.

Mein Gemüse-Drama hatte dann auch noch ein Happy-End: Vor der Feier hatte ich einen Interview-Termin, von dem ich eigentlich so früh wieder zurück sein wollte, dass mir noch zwei Stunden zur Essens- und Raumvorbereitung bleiben würden. Wegen der extrem glatten Straßen schmolz meine Vorbereitungszeit nach und nach allerdings auf mächtige fünf Minuten zusammen. Nach einer Vollsperrung, einem Stau und zwei Aspirin kamen wir endlich in der WG an. Langsam öffnete ich die Wohnungstür, ich ahnte Schlimmes, bereitete in Gedanken eine feurige Entschuldigungsrede vor … doch: Heinzelmännchen! Alles glänzte und glitzerte, Tisch und Stühle standen richtig, es war sauber und duftete zart nach Zwiebeln und Knoblauch. Perfekt! Mutti hätte es nicht besser gemacht!

Damit solche schönen Überraschungen keine Ausnahmen bleiben, habe ich mir übrigens sagen lassen, dass Heinzelmännchen Schokolade lieben …

 

  • Gibt es tatsächlich noch nicht – den WG-Knigge.

Hier immerhin ein Paar Links, die dem Ganzen recht nahe kommen:

7 Regeln zum WG-Leben

witziges WG-Buch

IKEA-Aufruf zum Thema

 

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