Schlüsselerlebnisse

Früher war mein Verhältnis zu Schlüsseln ganz locker. Als Kind schenkte ich ihnen keine Beachtung, wenn ich von der Schule oder meiner Freundin Amelie nach Hause kam, klingelte ich. Oft machte mir sehr schnell jemand auf, um unseren Hund zu beruhigen. Als ich älter wurde und irgendwann abends nicht mehr um zehn Uhr ins Bett ging, sondern loszog, gewöhnte ich mir an, einen Haustürschlüssel einzupacken. Trotzdem könnte ich nicht behaupten, dass ich den Wert und die Wichtigkeit der Schlüssel verstand. Vergaß ich den Schlüssel mal, klingelte ich jemanden aus dem Bett. Mein Verhältnis zu Schlüsseln war weiterhin eher eine „offene Beziehung“.

Doch durch meinen Auszug von Zuhause begab ich mich in eine gefährliche Abhängigkeit. Klar, es ist ein schönes Gefühl, nach einem anstrengenden Tag den Schlüssel aus der Tasche zu kramen und die Tür zum neuen Zuhause aufzuschließen. Das hat was. Und ich muss mir nicht mehr die Beine abfrieren, wenn alle im Haus denken: „Ach, es wird ihr schon jemand aufmachen…“

Schön, so ein Schlüssel. Und: Schrecklich, so ein Schlüssel.

Aufgrund meines Schlüssels, der zu gerne auf Wanderschaft geht, habe ich schon einiges durchgemacht. Ein Auszug aus den vergangen sechs Wochen:

- Nach einem schönen Urlaubswochenende bei einer Freundin stellte ich überrascht und sehr müde nach einer langen Bahnfahrt fest, dass mein Schlüsselbund noch 600 Kilometer entfernt weiter-“urlaubt.“

- Einige blaue Flecken zeugen noch von dem Tag, an dem ich mein Fahrrad quer durch die Stadt tragen musste, weil mein Fahrradschlüssel sich in der Bibliothek verselbstständigt hatte und zwischen den tausenden Büchern erst nach Tagen gefunden wurde.

- Besonders schlimm aber war der zweitletzte Unitag vor dem Weihnachtsurlaub, als ich mich morgens gegen zehn Uhr beim Altglas-Wegbringen aussperrte. In Jogginghose und dünnem Pullover stand ich dann im winterlichen Regen, ohne Handy, ohne Geld, ohne Hoffnung. Acht Stunden später konnte ich bei Helens Rückkehr wieder mein warmes Zimmer betreten.

Immer wenn ich mich so sehr nach „meinem Schlüssel“ gesehnt habe, fiel mir ein Zitat ein, das meine Grundschullehrerin in jedes Poesiealbum geschrieben hat, dass sie nur kriegen konnte: „Der Schlüssel zum Herzen der Menschen wird nie unsere Klugheit, sondern immer unsere Liebe sein.“ (Herrmann von Bezzel). Als Grundschülerin war mir das zu abstrakt – Schlüssel und Herz, was hat das schon miteinander zu tun? Doch inzwischen habe ich schon viele, inklusive meiner eigenen, verschlossene Herzenstüren gesehen – verschlossen durch Vorurteile, Ängste und Unsicherheit. Und ich weiß: Der Schlüssel zum Herzen eines Menschen ist viel wertvoller als mein blöder Haustürschlüssel und nicht duplizierbar. Und wenn man so einen Herzensschlüssel verliert oder vergisst, ist es viel schlimmer. Denn zum Herzen gibt es keine Ersatzschlüssel.

Zu Weihnachten schenkte mir meine schlaue Schwester Anna übrigens eine Glocke mit den Worten: „Die wird deine Schlüssel-Probleme lösen.“ Diese Glocke hängt jetzt an meinem Schlüsselbund, und wenn ich aus dem Haus gehe, hüpf ich einmal kurz oder berühre meine Jackentasche – das ist inzwischen schon zum Ritual geworden. Klingelt‘s irgendwo an mir, verlasse ich die Wohnung, bleibt es still, muss ich noch mal zurück und den Schlüssel holen.

 

Plan B:

Nachricht am 21. Dezember von Ex-Mitbewohnerin Laura: „Uti, ich hab DAS Geschenk für dich! Du hast’s zwar nicht mit Schlüsseln, aber definitiv mit Zahlen. Hier ist die Lösung aller deiner Probleme. Oder so. Link.


Wenn Plan B auch fehlschlägt:

Ersatzschlüssel machen lassen und bei Freunden deponieren. Schlüssel-Shops kann man bei Mister Minit suchen.

2 Kommentare zu “Schlüsselerlebnisse”

  1. Jule 31 Januar 2012 at 20:48 #

    Mann, bin ich froh, dass ich nicht die Einzige bin, die Schlüsselprobleme hat. Ich hab so gelacht, als ich deine Erlebnisse gelesen habe!
    Ich habe mich im SCHLAFANZUG ausgesperrt und musste ein paar Straßen weiterrennen zu meiner Freundin, bei der ich dann 12h beherbergt war, bis meine Mitbewohnerin Anna wieder nach Hause kam und den AB mit meiner Nachricht abgehört hatte. Somit rannte ich mit Schlafanzug wieder zurück und Anna hat einfach nur gelacht… sie hat davor die Nachricht auf dem AB schon 5 Mal abgehört… naja seitdem hat meine Freundin einen Zweitschlüssel…

    Das Zitat mit dem Herzensschlüssel ist sehr schön und sehr wertvoll! Danke :)

  2. Schwester Anna 31 Januar 2012 at 20:59 #

    Hihi … tja da sprichst du wohl auch mir aus dem Herzen! :-)
    Und ich bin auch nur deshalb so “schlau”, da ich schon ein paar Jahre länger ausgezogen bin und jahrelang das gleiche Problem hatte… jetzt hören meine Mitbewohner schon von weitem wenn ich zurück komme ;-) klingeling


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