Der Alibi-Teller

Wir Von-Zuhause-Ausgezogenen lieben es, ungesund zu essen – obwohl wir eigentlich wissen, dass selber kochen in jeder Hinsicht sinnvoller ist.

Ich habe da eine Beobachtung gemacht, die das ganze Dilemma vielleicht gut illustriert: Ich kenne Menschen, die Fertig-Lasagne im Pappkarton schön mittig auf einem sauberen Teller platzieren, um dann trotzdem aus der Packung zu essen. Warum? Eine Mini-Umfrage: Während einige der Befragten versucht haben, eine praktische Begründung zu finden („Der Teller wird nicht so heiß.“ Oder „Damit man nicht auf den Tisch kleckert.“), gaben nur wenige zu, keine Ahnung zu haben.

Der Selbstversuch: Erstens kann man die Pappschachtel auch nach vier Minuten in der Mikrowelle am Rand immer noch gut anfassen. Ganz im Gegenteil zu dem Teller, den – während besagter Selbstversuch stattfand – ein anderer Lasagne-Esser mit einem Topflappen (!) an mir vorbei zum Tisch balancierte. Die Sache mit dem Kleckern ist nicht so leicht zu überprüfen, da sie ja von der individuellen Klecker-Quote jedes Menschen abhängt. Nachdem ich ohne Teller aus der Pappschachtel gegessen hatte, war der Tisch noch sauber. Das sollte als Beweis reichen.

Nur eine Person aus meiner Umfrage gab zu: „Es fühlt sich einfach besser an. Man isst mit mehr Würde.“ Ein anderer meinte:  „Ich möchte beim Essen nicht das Gefühl haben, dass ich ein minderwertiges Essen zu mir nehme.“ Aha!

Geht es also doch einfach darum, den Eindruck von Selbstgekochtem, von feiner Hausfrauenkost mit ganz viel Liebe zu erwecken? Ja, ich bin mir ziemlich sicher, dass sich in dem Alibi-Teller unser schlechtes Gewissen zu Wort meldet, weil man nicht frisch gekocht hat. Die Selbsttäuschung funktioniert dann nach dem Motto: „Was auf einem Teller liegt, kann gar nicht so ungesund sein!“

Beim Essen mag so ein Trick zum Gewissen-Beruhigen noch ganz witzig sein, an anderen Stellen machen mir solche Entdeckungen mehr Sorgen. Manchmal wirft mir zum Beispiel auch das Buch neben meinem Bett stumm vor, nur eine Alibi-Bibel zu sein. Das ist dann schlimmer.

Das Nachdenken über den Alibi-Teller bringt mich letztendlich zu den folgenden Gedanken: Vielleicht ist das neue Jahr auch eine Möglichkeit, mal auszumisten: Welche Gewohnheiten machen eigentlich Sinn? Wo mache ich einfach nur irgendetwas blind, weil ich das schon immer so mache, ohne über den Sinn dahinter nachzudenken? Wo stoße ich unter der Oberfläche unbewusster Handlungen vielleicht auf echte Probleme? Ich werde versuchen, meinen Alltag ein bisschen zu hinterfragen, und dann rausschmeißen, was keiner mehr braucht (zum Beispiel die Sache mit dem Teller), dafür kann ich dann das wiederbeleben, was in der Routine eingeschlafen ist (wie das Bibellesen).

Hinterlasse einen Kommentar