Von 100 auf 5
Wir waren Musketiere. Es verging kaum ein Tag, an dem wir uns nicht sahen – in der Schule, in der Gemeinde, im CVJM, bei irgendwem von uns zu Hause. Immer. Ständig. Wir haben zusammen gelacht, bis wir Bauchschmerzen bekamen, haben unermüdlich Kinderprogramm und Hauskreisabende improvisiert und manchmal diskutiert, bis die Fetzen flogen. Es war herrlich.
Wir brauchten uns das nicht immer zu sagen. Jeder wusste es. Nur manchmal, an Geburtstagen, wurde es auf die Geburtstagskarten gekritzelt: Was wir hatten, war etwas Besonderes. Besonders, weil wir so viele Erinnerungen an gemeinsam Durchlebtes hatten. Besonders, weil wir uns, wie St. Exupéry einmal sagte, nicht ständig angucken mussten, sondern zusammen in eine Richtung blickten. Besonders, weil Gott einer von uns war. Besonders, weil wir zusammen schweigen konnten. Manchmal kam es vor, dass sich zwei von uns besuchten und dann saß der eine oben und las Bravo oder teensmag und der andere saß unten und aß Müsli. Perfekt.
Ich bin als Letzte weggezogen, ich war das Küken. Die Trennung hatten wir schon lange vorausgesehen und immer wieder drüber gesprochen. Was dann aus unserer Freundschaft werden würde? Ob es nicht irgendwie vermeidbar sei? Ob wir nicht alle in der gleichen Stadt bleiben könnten – unser ganzes Leben lang – bis wir alt und schrullig und süß sind?
Die Antwort ist Nein – auch wenn es schön gewesen wäre und ich alle beneide, die ihre Freunde immer noch so nah bei sich haben, dass sie ihren Alltag teilen können. Es war unvermeidbar. Jeder hat für sich und damit auch für die anderen die Entscheidung getroffen, seinen Lebensmittelpunkt zu verlegen. Die große weite Welt hat uns gelockt, die Abhängigkeit von unseren Eltern hat uns fortgetrieben und der Gedanke, dass es gut und richtig ist, nach dem Abi wegzuziehen, hat uns bestätigt. Jetzt ist unser Kontakt von hundert Prozent auf fünf Prozent geschrumpft: Wir sehen uns kaum noch. Teilweise nur an Weihnachten, weil Bahntickets so teuer sind und unser neues Leben uns in Atem hält.
Und was wird aus den Musketieren? Aus unserer Freundschaft? Aus „dem, was wir hatten“? Manchmal denke ich, es verschwindet mehr und mehr. Auch wenn wir uns per Mail und Telefon erzählen, was bei uns gerade los ist, ersetzt das nicht das Dabei-Sein. Leben ist letztendlich das, was man erlebt, mit den Leuten, mit denen man es erlebt. Und wenn man sich nicht im Alltag sieht, wird es immer schwieriger, gemeinsam unterwegs zu sein. Neue Leute nehmen diesen Platz ein, und daraus können auch wunderbare Beziehungen entstehen. Ja, ich behaupte sogar, dass man sich um sein Leben bringt, wenn man immer nur in der Vergangenheit steckenbleibt und nicht mit ganzem Herzen offen für die Gegenwart ist.
Aber ich bin auch optimistisch, was unsere Freundschaft angeht. Manche Dinge verändern sich dann doch nicht so schnell – das habe ich an Weihnachten gemerkt. „After changes upon changes we are more or less the same“, singen Simon and Garfunkel Wir können uns auch immer noch ab und zu zum Nichtstun und erfüllten Anschweigen treffen – auch wenn wir das jetzt genauer planen müssen. Und wir haben Gott, der mit jedem von uns umgezogen ist und uns doch immer verbindet.
2 Kommentare zu “Von 100 auf 5”
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Hab dich lieb! Ich sehe vor allem dich und Isi, Lexi und Maggi und wudy und noch so einige weitere vor meinen geistigen, Velberter Auge, was auch in Münster offen ist für neue Begegnungen. Und ich rechne fest damit, dass wir uns noch vor Weihnachten 2012 wiedersehen…
Toll, hättest du mir nicht sagen können, dass das rührselig wird, wenn ichs lese:) Aber du hast Recht, wir sind immer noch Musketiere nur kämpfen wir jetzt an anderen Orten. Ich trage euch auf jeden Fall alle in meinem Herzen mit mir rum und muss manchmal lachen und an euch denken und wehe ich werd nicht deine Trauzeugin und Patentante und all so was;)