Dampfbad der Gefühle

Seit Sonntag bin ich krank. Fnupfn. Mieser Fnupfn. Meine Nase ist ein Bratapfel. Und nicht nur sie. Meine Lippen sind geschwollen, meine Finger – selbst meine Haare sind krank. Zerknüllte, eklige Taschentücher unter meinem Kopfkissen. Das Schlimmste: Meine Mama ist nicht da. Nicht, dass sie sich daheim pausenlos um mich gekümmert hätte. Aber sie hätte immerhin alle halbe Stunde den Kopf durch die Tür gesteckt: „Geht’s dir besser?“ – „Würde ich dann noch hier liegen? Nein!“ …

Hach Mütter, sie halten viel aus. Und wissen doch immer, was man machen muss. Meine hat Sonntag die Medizinvorräte für mich geplündert, bevor sie mich zum Zug brachte. Hustensaft – nicht der leckere – und Erkältungssalbe. Uralt. Die hat sie uns früher „aufs Brüstchen“ geschmiert, damit wir beim Schlafen die ätherischen Dämpfe inhalieren. Mit mittelmäßigem Erfolg, aber ich hab‘s trotzdem probiert. Bilanz:  Mmhgehtso. Dampfbad wär jetzt gut! Und siehe da – auf dem Etikett der uralten Salbe wartet meine

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Rettung: „Eine zwei Teelöffel große Menge Salbe mit einem halben Liter sehr heißem, nicht kochendem Wasser übergießen und die aufsteigenden Dämpfe fünf bis zehn Minuten lang tief einatmen.“ Weil die Dose so winzig ist, nehme ich erstmal nur einen Teelöffel voll. Wasser drauf, Haare weg, Schüssel – riecht schon mal nicht schlecht – vor mich auf den Tisch. Die Herausforderung: Das Handtuch so um Kopf und Schüssel drapieren, dass es nicht nass wird und ich so wenig Frischluft wie möglich bekomme. Willkommen im Inhalierparadies. Es ist heiß. Ich schließe automatisch die Augen und mache den ersten Zug durch die Nase … nicht gut! „Aggressiv“ ist wohl das beste Wort, um die Wirkung dieses Teufelszeugs zu beschreiben.  Es zieht durch meine Nase in alle Nebenhöhlen, die ich habe und ätzt neben den Schleimhäuten auch noch meine Sinne weg. „Grundgütiger!“, brülle ich in die dampfende Suppe und will das Handtuch wegreißen. Aber da ist sie – die Stimme meiner Mama. „Das Handtuch bleibt, wo es ist. Komm du mal ruhig ins Schwitzen!“ Na toll, nicht mal hier – in meiner Bude –  bin ich selbstbestimmt. Das Handtuch bleibt. Zweiter Zug … oh oh … mies! Was gerade noch übrig war, ist jetzt auch weg. Dritter Zug … immer noch eine Zumutung. Vierter Zug … höllische Schmerzen! Aber da ist noch was anderes: ein Gefühl von Freiheit. Ich kann endlich durchatmen, auch wenn mein tieferes Ich immer noch nach frischer, kühler Luft verlangt.

Fünfter Zug. Sechster Zug. So langsam gewöhne ich mich dran. Siebter Zug … Gar nicht so schlecht. Achter Zug. Neunter Zug. Vom Radio swingen vertraute Töne in mein krankes Ohr und ich kann nicht lange an mich halten: Ich singe mit. Herbstkonzert im Dampfbad-Universum. Gleich kommt der Refrain … die Dampfbrühe kann was erleben. Ich hole tief Luft und schmettere los. Oh, it’s wonderful. It’s marvellous. Ein Traum. Ich schmettere die letzte Zeile und höre noch eine Weile dem Schlussakkord nach. Keine Ahnung, ob das zehn Minuten waren, aber die Wirkung hat nachgelassen, meine Nase fühlt nix mehr und ich lasse das Handtuch sinken. Time to say Goodbye.

Gut, dass mich keiner so gesehen hat, aber ich bin ein kleines bisschen stolz auf mich. Und meine Mama wäre es sicher auch.

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