Das Kreuz mit dem Müll
Heute kommt der Müllmann und sammelt die gelben Säcke ein. Das Problem: Unsere stehen noch im Keller. Und ich bin schuld. Naja, vielleicht nicht ganz, weil ich nicht wusste, wo der Kellerschlüssel ist. Nützt nix: Im Keller stinkt’s und das wird auch die nächsten zwei Wochen so bleiben – dann kommt nämlich der Müllmann wieder. Ich denke mir: „Gut, dass zwischen Keller und Wohnung ein paar Stockwerke liegen“, und lehne mich entspannt zurück. In zwei Wochen ist auch noch ein Tag.
Als ich klein war, hat meine Mama nie Trinkpäckchen oder diese Schnitten mit Milchcremefüllung gekauft, von denen man bei erhöhtem Konsum betrunken wird. Ich konnte mich noch so sehr an ihren Arm hängen und versuchen, sie zum Kühlregal zurückzuschleifen. Sie blieb kalt. Eiskalt. Nordpol. Das Kühlregal war nix dagegen. Ihr Argument: „Zu viel Verpackung“. Aha. Wen interessiert’s? Mich damals nicht.
Heute liebe ich es, Dinge wegzuschmeißen. Nähmaschinenfussel zum Beispiel. Nähen ist eine Herrlichkeit. Ebenso, den Mülleimer zu zücken und mit einer schwungvollen Wischbewegung die Faden- und Stoffreste in die Tonne zu befördern. Katharsis! Für mich hat Wegwerfen eine befreiende, fast schon spirituelle Wirkung. Laut Bibel sind wir frei, weil Gott mit einer schwungvollen Wischbewegung unseren Lebensmüll im Meer versenkt. Manchmal frage ich mich, ob er dabei so viel Spaß hatte, wie ich. Irgendwo muss mein Müll ja hin. Der liegt wohl unterm Kreuz.
Also bin ich in punkto Müll vorsichtiger geworden – so sehr ich Entrümpeln mag. Müll verschwindet nicht einfach, auch nicht in zwei Wochen, wenn der Müllmann ihn mitnimmt. Irgendwo bleibt er. Zwar ist Recycling besser als nix, aber richtig wäre die Müllvermeidung! Ich danke also meiner Mama für all die Trinkpäckchen, die ich damals nicht trinken durfte. Meine Kindheits-Idylle hat nicht gelitten. Und im neuen Heim übe ich neuerdings Upcycling. Auf Deutsch: Müll + Kreativität + neues Material = Unikat. Nachteil: braucht Zeit und ist aufwändig. Vorteil: hoher Sparfaktor – auch an Nippes. Macht glücklich. Deshalb habe ich jetzt eine Extratonne für den Nähmüll. Damit will ich ein selbstgenähtes Kissen ausstopfen. Bald. Ich sammel noch.
Übrigens liebe ich Einrichtung à la Shabby-Chic: Die Möbelstücke werden als besonders schmuck angesehen, die man eigentlich in die Tonne kloppen würde. Genial. Macht natürlich im Sinne der Müllvermeidung nur dann Sinn, wenn das Zeug wirklich alt ist und nicht neu und künstlich auf alt getrimmt. Shabby-Chic erinnert mich auch an Jesus. Er findet das wertvoll, was längst nix mehr taugt. Mein Lieblings-Müllvermeider.
Der Traum, dass ich irgendwann in diesem Leben keine gelben Säcke mehr auf die Straße stellen muss, wird sich allerdings so schnell nicht erfüllen. Manche Sachen muss man einfach wegschmeißen. Dafür das Kreuz. Aber es wird besser.
2 Kommentare zu “Das Kreuz mit dem Müll”
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Bähm, Rosinenschneckchen. Wie gut der Eintrag einfach ist. Respekt.
cool story bro