Falsche Psalmen?
Als das Volk Israel nach Babylonien deportiert wurde, war das eine totale Erschütterung; nicht nur für die Familien und das Beheimatet-Sein, sondern auch für den Glauben: Der gott-gegebene Ort, der Tempel, war ihnen verschwundne, ebenso das von Gott versprochene Land. Was dieser Gott überhaupt noch kann, konnte einem zweifelhaft werden.
Der 137. Psalm ist ein Gebet aus der Ferne, aus dem Exil: „An den Flüssen Babylons saßen wir und weinten …“ Diese Psalm klingt so, als wäre das Empfinden dies: All unsere Hoffnung liegt in Jerusalem. Hier, in Babylon, ist nichts zu erwarten. Wie könnten wir hier Gott loben; wie könnten wir uns hier innerlich niederlassen, wo doch Jerusalem fern und zerstört ist?
Der Prophet Jeremia hat in seinem Brief an die Leute im Exil auffallend Anderes geschrieben, nämlich: Richtet euch dort ein. Plant eure Zukunft. Bringt euch ein in der Fremde. Es geschah nicht ohne Gott, dass ihr jetzt dort seid. (Jeremia 29)
Den 137. Psalm hätte Jeremia wohl nicht gern gehört. Er ruft zu einem andern Glauben auf. Im Vergleich zu diesem Glauben, den Jeremia möchte, fällt Psalm 137 ab.
Und doch steht er in der Bibel – ist Teil von Gottes Wort. Obwohl er – an Jeremia gemessen – nicht den ganzen Willen Gottes wiedergibt. Dieser Psalm ist dennoch echt und wahr: als Startpunkt eines inneren Weges. Das Ziel steht in Jeremia 29. Aber auch der – dürftige – Start hat Platz in der Heiligen Schrift.
Ich leite daraus ab: nicht jeder Psalm enthält die ganze Wahrheit – aber er ist dennoch wahr und gültig.
Und: Es ist richtig, zuzugeben was ist. Auch wenn der „Ist-Zustand“ hoffnungsarm, glaubensarm, nahe an der Verzweiflung sein mag. Es ist biblisch, dazu zu stehen, sich dazu zu bekennen und das zuzugeben. Er wäre falsch, in lauter gutgemeinter Gläubigkeit solche Bekenntnisse zu verhindern – etwa weil sie allzu menschlich seien und nicht auf der Höhe eines wahren Glaubens.
Das Wort „authentisch“ kannten die Menschen der Bibel nicht. Aber die Bibel macht Mut und bewertet es als richtig, authentisch zu sein. Psalm 137 ist dafür ein Beispiel. Auch das möchte Gott: dass wir dazu stehen, was ist.
