Ein Kuss Gottes
Beim Bearbeiten einer Bibelausgabe (mein Job beim SCM-R.Brockhaus-Verlag) bin ich auf eine Auslegung gestoßen, die ich bisher noch nicht kannte.
Gnade und Wahrheit sind sich begegnet, Gerechtigkeit und Frieden haben sich geküsst. (Psalm 85,11)
Dazu wird (sinngemäß) angemerkt: Gerechtigkeit ist die Forderung Gottes – ihr kann kein Mensch gerecht werden. Frieden ist der Wunsch Gottes, dass kein Mensch an ihm scheitert, sondern in Gemeinschaft mit ihm lebt. Gerechtigkeit und Frieden sind also aus der Perspektive von uns Menschen gegeneinander gerichtet. Doch am Kreuz von Jesus Christus kam beides zusammen, weil Jesus gerade dort die Gerechtigkeit Gottes erfüllt hat.
Ich glaube zwar nicht, dass der Psalmschreiber „Gerechtigkeit“ und „Frieden“ als Gegenpole verstanden hat. Aber diese Auslegung spricht mich dennoch an. Das Kreuz als der Ort, wo Gerechtigkeit und Frieden sich küssen – wo ich gerecht gesprochen werde und Frieden mit Gott geschenkt bekomme. Die Deutung auf Jesus Christus scheint auch deshalb passend, weil vorher in dem Psalmvers von „Gnade und Wahrheit“ die Rede ist. Darin klingt einerseits ein alter Name Gottes an (Exodus 34,6), andererseits vermerkt das Johannesevangelium, dass Gnade und Wahrheit durch Jesus entstanden sind (Johannes 1,17). Also zumindest aus der nachträglichen Perspektive des Neuen Testaments kann Psalm 85,11 ein Christus-Satz sein.
Also das Kreuz als Ort, wo Gerechtigkeit und Frieden sich „küssen“? Das Kreuz ist zu grausam, um davon zu sprechen, dass sich hier etwas küsst. Allerdings ist die geistliche Deutung des Kreuzes ja immer schon paradox gewesen: Durch den Tod des Einen kommt Leben für viele; weil Jesus gottverlassen war, muss es danach niemand mehr sein. Also in diesem Sinne: Während Jesus grausam stirbt, „küsst“ sich Gottes Forderung mit Gottes Versöhnung. Christus trägt den Schaden und alle andern profitieren. Dieselbe Liebe, die den eigenen Sohn preisgibt, ist zugleich ein Kuss Gottes für uns.
