Spuren einer gespaltenen Gemeinde in der Bibel?
Als ich neulich fand, ich hätte den 3. Johannesbrief lange nicht mehr gelesen und das dann tat, bin ich gleich gestolpert. Was für eine Gemeindesituation zeigt sich da? Wir haben durch diesen Brief ja nur die eine Seite der Konfliktpartner als Auskunftsquelle. Die Zeilen machen auf mich den Eindruck, als wäre die Gemeinde, um die es geht, richtiggehend gespalten.
Verschiedene Gruppen werden genannt: Die Gemeinde (V. 9); die Brüder (3 – eine Teilgruppe der Gemeinde? Vgl. 10), außerdem die Freunde (15).
Ferner steht der Älteste als Verfasser – der sich mit dem Briefempfänger Gajus verbunden fühlt – einem Diotrephes gegenüber. Der beansprucht die Führungsrolle und hat wohl auch zumindest solchen Einfluss (solche Macht), dass er diejenigen aus der Gemeinde hinauswirft, die es mit dem Ältesten halten.
Der Älteste scheint für uns heute die legitime Autoritätsperson zu sein – immerhin war es ja sein Brief, der Eingang in die Heilige Schrift gefunden hat. Aber eine richtig wirksame Autorität scheint er in dieser Gemeinde nicht (mehr?) zu haben: Er will Diotrephes entgegentreten und ihm vor Augen halten, was er tut – aber irgend eine empfindliche Konsequenz kann er ihm nicht androhen (10).
Zum Schluss grüßt der Älteste nicht die ganze Gemeinde, sondern nur die „Freunde“. Die Gleichgesinnten?
Paulus hatte ähnlich zersplitterte Gemeinden vor sich, an die er schrieb. Aber Paulus rief immer zur Einheit und verbrüderte sich nie nur mit einer einzelnen Partei.
Ab hier habe ich keine Antworten mehr, sondern nur Fragen:
Hat der „Älteste“ das Ziel der Einheit – zumindest zeitweilig – aufgegeben? Gibt es auch im Neuen Testament Gemeindesituationen, wo man keine Einheit in Christus mehr erreichen kann? Ist es „zulässig“, erst mal gruppenintern die Gleichgesinnten zu sammeln und eine Art „Flügel“ in der Gemeinde zu bilden?
Eigentlich würde ich sagen: Nein, Paulus zeigt einen anderen Weg. Aber der „Älteste“ ist nicht Paulus. Und doch ist auch sein Brief Teil von Gottes Wort geworden.
Fast empfinde ich das als gefährlich: Was ist, wenn zerstrittene Gemeinden sich hier, im 3. Johannesbrief, ihre Rechtfertigung dafür holen, dass sie das Ziel der Versöhnung aufgeben?
Und was ist mit Jesus’ Gebet um Einheit seiner Jünger in Johannes 17?
