Mechanik oder Thermik?
Noch vor einer Woche habe ich auf der Straße mit dem Spaten Eis aufgehackt. Vielleicht würde unser Auto endlich die Auffahrt schaffen? Wochenlang hatte es unten stehen müssen, weil es bei Schnee und Eis die Steigung nicht schaffte.
Aber jetzt ist alles weggetaut. Die Energie der Natur hat mal wieder viel großflächiger, sanfter und vollständiger geschafft, was ich mit Spaten-Technik nur sehr bruchstückhaft hinbekam. Schmelzkraft ist eben viel wirkungsvoller als mechanische Kraft.
Ich mag die Bildworte aus Psalm 147 gern. Gottes Wort wird hier verglichen mit der Wärme, die Eis zum Schmelzen bringt.
„Wenn er – Gott – ein Wort spricht, beginnt es zu tauen; sein Atem lässt die Bäche wieder fließen.“ (Ps 147,18)
Zuvor war Gott es selbst gewesen, der – durch sein Wort – Schnee und Eis hervorgerufen hat. Aber auf dieselbe Weise entfernt er das Eis dann auch. Nur durch die Kraft seines Wortes.
Wenn das seine typische Wirkungsweise ist, dann taut Gottes Wort das Erfrorene, Vereiste auch in meinem Leben weg. Mit Anstrengung (Vorschriften erfüllen, mich am Riemen reißen) würde ich nur einen Bruchteil der Widerstände zu überwinden schaffen. Gottes Energie wirkt zugleich sanfter und effektiver.
Welche Energie ist das? Vom Römerbrief her würde ich sagen: Das ist die Kraft des Heiligen Geistes. Psalm 147 führt diese Kraft auf Gottes Wort zurück. Zwischen beidem besteht kein Widerspruch. Und Vers 18 nennt in seiner zweiten Hälfte den Wind, den Gott wehen lässt, so dass „die Bäche wieder fließen“. Der Wind der Natur? Oder Gottes Geist? Im Hebräischen dasselbe Wort. Die Gute Nachricht Bibel schreibt: „sein Atem“. Also: Gottes Wort und sein Geist wirken per Schmelzkraft, nicht mit Hack- oder Hebelgesetzen.
Von daher wirkt auch die Bibel eben so: Sie ist ja einer der bevorzugten Orte, wo Gottes Wort und Gottes Geist sich treffen.
Franz Kafka wird mit diesem Satz zitiert: „Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“ Ein ansprechendes Bildwort. Bloß: Der Vergleich ist der Mechanik entnommen (Axt). Im Vergleich zur Buch-Erfahrung oder Buch-Erwartung Kafkas ist Gottes Buch besser, denn es wirkt nicht mechanisch, sondern thermisch und damit weit kraftvoller.
