Der “Heiland” der Welt
„Euch ist heute der Heiland geboren“ (Luk 2,11), so lautet die Weihnachtsbotschaft der Engel in der Übersetzung von Martin Luther. Der „Heiland“ – eigentlich ein ungewöhnliches Wort, aber eines, das wir gerade zu Weihnachten besonders oft hören, singen und aussprechen. Ein Grund, dieses interessante Wort und einmal genauer zu betrachten:
Zunächst fällt auf, dass von allen vier Evangelisten Lukas derjenige ist, der es besonders oft verwendet: Insgesamt viermal, und davon dreimal im Zusammenhang mit Weihnachten. (Luk 1,47; Luk 2,11; Apg 13,23; Apg 5,31). Im Matthäus- und Markusevangelium taucht das Wort dagegen gar nicht auf, bei Johannes nur einmal im Mund von Samaritanern (Joh. 4,42). Natürlich hat weder Maria ihr berühmtes „Magnifikat“ noch die Engel auf dem Feld ihre Weihnachtsbotschaft auf deutsch gesungen. Aber vermutlich auch nicht auf griechisch. Die Auswahl des griechischen Wortes „Soter“, das von Luther mit „Heiland“ übersetzt wird, ist also eine bewusste Entscheidung des Lukas, der diese beiden Lieder ins Griechische übersetzte. Warum hat er ausgerechnet dieses Wort gewählt und was hat es ihm bedeutet?
Ein erster Hinweis findet sich in der griechischen Übersetzung des Alten Testaments. Diese entstand etwa 200 Jahre vor Jesus und wurde auch schon von Lukas und von den ersten Christen verwendet. In dieser Übersetzung erscheint das Wort „Soter“ zum allerersten Mal in 5. Mose 32,15. Hier übersetzt es das hebräische Wort „Jeschua“, das zugleich auch der hebräische Name von Jesus ist. Auf diese Bedeutung des Namens „Jesus“ weist ja auch im Matthäusevangelium ein Engel hin (Mt 1,23).
Ein zweiter Hinweis findet sich ebenfalls in diesem Vers aus dem fünften Buch Mose. Im hebräischen Text, der auch der Luther-Übersetzung zugrunde liegt, steht an dieser Stelle „Er hat den Fels seines Heils gering geachtet“. Die griechischen Übersetzer jedoch gaben den Vers so wieder: „Er hat Gott, seinen Heiland, gering geachtet“. Wie jeder gute Übersetzer, interpretieren die jüdischen Übersetzer also hier: Der „Fels des Heils“, von dem hier bildlich die Rede ist, ist für sie niemand anders als Gott selbst, der „Heiland“. Den gleichen Kunstgriff wenden die Übersetzer auch Ps. 95,1 an: Hier heisst es im hebräischen „lasst uns jauchzen dem Hort unseres Heils“, in der griechischen Übersetzung jedoch „lasst uns jauchzen Gott, unserem Heiland“. An vielen anderen Stellen der Bibel wiederholt sich dieser Vorgang: Wo der hebräische Text umschreibend oder bildlich vom „Heil“, vom „Fels des Heils“ oder von „Hilfe“ redet, da wird in der griechischen Übersetzung deutlich gemacht: Hier ist nicht nur allgemein von irgendeinem unpersönlichen „Heil“ die Rede, sondern vom „Heiland“. Und dieser „Heiland“ in Person ist niemand anders als Gott selbst.
Ein dritter Hinweis schließlich findet sich an ganz anderer Stelle, außerhalb der Bibel: Auch in der griechisch-römischen Welt wurde der Begriff „Soter“ verwendet. Hier bezog er sich aber oft auf die Könige und Kaiser, die als „Heiland der Welt“ verehrt wurden. Bei Ausgrabungen in Priene in der heutigen Türkei wurde vor etwa 100 Jahren eine Inschrift gefunden, in der die Nachricht von der Geburt des Kaisers Augustus als „Evangelium“ und der Kaiser selbst als „Heiland“ bezeichnet wird: „Dieser Tag hat der ganzen Welt ein andres Aussehen gegeben; sie wäre dem Untergang verfallen, wenn nicht in dem nun Geborenen für alle Menschen ein gemeinsames Glück aufgestrahlt wäre. (…) Das Schicksal, die über allem im Leben waltet, hat diesen Mann zum Heil der Menschen mit solchen Gaben erfüllt, dass sie ihn uns und den kommenden Geschlechtern als Heiland gesandt hat; allem Krieg wird er ein Ende machen und alles herrlich ausgestalten. In seiner Erscheinung sind die Hoffnungen der Vorfahren erfüllt; er hat nicht nur die früheren Wohltäter der Menschheit sämtlich übertroffen, sondern es ist auch unmöglich, dass je ein Größerer nach ihm käme. Der Geburtstag des Gottes (gemeint ist natürlich Kaiser Augustus) ist für die Welt ein Evangelium, eine Freudenbotschaft! Von seiner Geburt muss eine neue Zeitrechnung beginnen.“
Es sind also drei verschiedene Ebenen, auf denen das Wort „Heiland“ seine Bedeutung erhält: Auf der menschlichen Ebene ist es die Übersetzung des hebräischen Namens „Jesus“. In der jüdischen Bibelauslegung ist es eine Umschreibung für Gott selbst, der zur Hilfe seines Volkes kommt. Und in der römischen Weltpolitik ist es der Ehrentitel für den Herrscher der Welt. Alle drei Bedeutungen webt Lukas, wie ein Künstler, ineinander und macht damit deutlich: In Jesus kommt Gott selbst als ein König in die Welt.
Dass gerade Lukas diese Verknüpfung so deutlich herstellt, ist dabei kein Zufall: Er selbst ist ein Grenzgänger zwischen der jüdischen und der römischen Welt. Sein Heimatort ist vermutlich Troas, ein Brückenkopf zwischen Orient und Europa (vgl. das „wir“ in Apg. 16,8-10). Zusammen mit Paulus reist er zuerst Richtung Westen nach Europa, dann wieder zurück nach Jerusalem und am Ende bis nach Rom. Diese Brücke von Jerusalem nach Rom schlägt er auch in seinem Evangelium und der Apostelgeschichte. Er will damit eine Verknüpfung herstellen zwischen dem jüdischen Volk und der römischen Welt, zwischen biblischer Tradition und politischer Realität. Deshalb ist der „Heiland“ das beste Wort, das er finden kann, um das Geheimnis von Weihnachten zu beschreiben: Der Mensch Jesus, dessen Name „Heiland“ bedeutet, ist mehr als nur ein Mensch: Es ist Gott selbst, den die jüdische Tradition „Heiland“ nennt. Und er ist zugleich der Herr inmitten einer Welt, die ihre politischen Führer zu Unrecht zum „Heiland“ stilisiert: Gott selbst kommt hinein in unsere Welt, und biblische Erwartung wird verwoben mit irdischer Realität, “denn euch ist heute der Heiland geboren…”
