Wie die Bibel sich vorwärts schreibt

Viele Psalmen des Alten Testaments sprechen von Strafe für die Gottlosen. Oft wird Gott gebeten, sie zu vernichten. Das ist gewaltsam. Und auch weider nicht – denn der Beter geht ja nicht selbst gegen seine Feinde vor. Sondern er überträgt das Gott, gibt die Gewalt also aus seiner Hand.

Trotzdem bleibt natürlich ein nicht geringer Rest an Gewalt-Wünschen. Aber innerhalb dieses Restes gibt es wiederum einzelne besondere Psalmen, die auf sehr bemerkenswerte Weise mit den Gegnern umgehen.

Z. B. Psalm 83. Er ist ganz gut nachvollziehbar aufgebaut. Zuerst macht Asaf Bestandsaufnahme: was sich gegen Gottes Volk aufgetürmt hat. Dann geht er – ab Vers 10 – zu den Bitten über und das sind Vernichtungsbitten. „Vertilgen“, „wie Mist auf dem Acker“, „verwehen im Winde wie Disteln“ sind die Ziele, die Asaf für sie hat.

Aber ab Vers 16, mindestens ab der zweiten Hälfte, soll mit den Gegnern dann doch etwas anderes geschehen. Gott soll sie erschrecken – erschreckt werden kann kein Toter. Er muss noch empfindungs- und reaktionsfähig sein. Sie sollen sich schämen, umkommen (18 am Ende) – und Gott erkennen!

Was gäbe es Besseres und Heilsameres für einen Menschen als Gott zu erkennen? In den letzten Bitten dieses Psalms schieben sich noch einmal die zwei Schichten übereinander, die sich logisch ausschließen. Entweder umkommen oder Gott erkennen. Aber dass sie Gott erkennen, dieser Wunsch hat dann das letzte Wort. Das Thema „Vernichtung“ ist damit in den Hintergrund getreten. Und die Bedrohung für Gottes Volk ist auf diese Weise auch erledigt. Die Feinde mussten gar nicht umkommen – es reicht, wenn sie Gott erkennen. Eine Win-Win-Situation.

Asaf hat sich offenbar vorwärts gebetet und am Ende sieht er die Sache anders. Und weil die Bibel dieses Gebet schriftlich enthält, kann man sagen: Die Bibel hat sich quasi vorwärts geschrieben.

Auch in einigen anderen Zusammenhängen und Themen ist das so. Manche biblische Aussagen sind Momentaufnahmen und müssen in dem Prozess verstanden werden, in dem die Bibel sich selbst vorwärts schreibt, sich selbst fortlaufend auslegt. Es gibt andere Aussagelinien, die inhaltlich konstant bleiben. Aber daneben auch die biblische Eigenauslegung und Selbstfortschreibung. Man muss hier gut unterscheiden.

Biblisch denken, bibeltreu sein heißt auch: den innerbiblischen Selbstauslegungsprozess beachten.

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