Brauchte Jesus Lehrer?

In meinem Artikel “Jesus, der fremde Jude” habe ich dazu ermutigt, “die Welt Jesu und die Welt seiner Lehrer” besser kennenzulernen. Ein Leser hat daraufhin die spannende Frage gestellt: “Brauchte Jesus überhaupt Lehrer? War er nicht selbst DER Lehrer der Wahrheit?” Ist es nicht geradezu gotteslästerlich, anzunehmen, dass Jesus von den Lehrern seiner Zeit gelernt haben könnte? Immerhin sagt Paulus ja in der Tat, dass „in Christus alle Schätze der Weisheit und des Erkennens verborgen liegen“ (Kol. 2,3). Wozu also sollte Jesus Lehrer nötig gehabt haben?
Eigentlich ist das eine sehr berechtigte Frage, auf jeden Fall aber eine sehr wichtige: denn sie betrifft in der Tiefe das Wesen der Menschwerdung Gottes. Hier im Blog kann ich nur zwei kurze Antworten geben: Die eine ist eher geschichtlicher, die andere eher geistlicher Natur.

Rein geschichtlich kann man danach fragen, die die „normale“ Schulbildung eines jüdischen Jungen zur Zeit Jesu aussah. Nach allem, was wir wissen, geschah diese vor allem im Elternhaus (5. Mose 6,6-7; Psalm 78,3-7; Heb. 12,9-11) und in der Synagoge. In der Synagoge wurden Samstag für Samstag die Schriften vorgelesen und ausgelegt. Dabei wurden ganz bestimmt auch die Meinungen und Auslegungen der großen Schriftgelehrten dieser Zeit vorgebracht und diskutiert. All das wird Jesus von Kindesbeinen an miterlebt haben, wenn er mit seinen Eltern in die Synagoge ging, „wie es seine Gewohnheit war“ (Luk 4,16).
Ob es außerdem auch schon zur Zeit Jesu eine öffentliche Grundschule in jedem Ort gab, ist nicht ganz sicher. Vieles deutet aber darauf hin. So ordnete bereits der Gelehrte Simon ben Schetach im 1. Jh. vor Christus an, dass alle Kinder zur Schule gehen sollten (Jerusalemer Talmud, Ketuvot 32c), aber wissen nicht genau, ab welchem Alter diese Schulpflicht bestand. In den Jahren 63-65 n. Chr. jedenfalls wurde ein flächendeckendes Schulsystem eingeführt, das für alle Kinder ab sieben Jahren verbindlich war und für jedes Dorf einen Schullehrer vorschrieb, der von der Dorfgemeinschaft bezahlt wurde (Babylonischer Talmud, Baba Batra 21a). Oft waren solche Schulen eng mit der Synagoge verbunden. Es könnte also gut sein, dass auch in der Synagoge von Nazareth (Luk 4,16) Schulunterricht angeboten wurde.

Angesichts dieser geschichtlichen Tatsachen stellt sich nun die Frage: Von wem hat Jesus als Junge gelernt? Hat er von seinen Eltern gelernt, das „Höre Israel“ aufzusagen, wie es in der Bibel vorgeschrieben ist? Oder konnte er dies als Sohn Gottes schon von Geburt an? Haben ihm seine Eltern Bibelgeschichten erzählt und erklärt? Oder hat er sie von Anfang an besser verstanden als seine Eltern? Haben seine Eltern ihm erzählt, was die großen Lehrer ihrer Zeit predigten und lehrten? Oder haben sie ihn bewusst gegen all solche Einflüsse abgeschirmt? Hat Jesus zusammen mit seinen Eltern an Samstagen die Synagoge besucht und dort die Auslegungen der jüdischen Lehrer kennengelernt? Oder blieb er zu Hause, weil er als Sohn Gottes diese Unterweisung nicht brauchte? Ging Jesus mit seinen Altersgenossen in den Schulunterricht (wenn es schon welchen gab in Nazareth)? Oder blieb er auch hier zu Hause? Und selbst wenn wir annehmen, dass Jesus nur durch Gebet und Bibellese direkt von seinem himmlischen Vater lernte, und nicht durch irdische Lehrer: Wer hat ihm dann vorher das Lesen beigebracht?

All diese Fragen führen letztlich zu einer tieferen Frage, und zu einer Antwort auf geistlicher Ebene: Nämlich zu der Frage, wie sehr Gott in Jesus wirklich ein „wahrer Mensch“ geworden ist. Brauchte der Sohn Gottes Lehrer? Sicherlich nicht. Aber vielleicht hat er sich dennoch bewusst dazu entschieden, ein Mensch zu werden wie wir. Und deshalb auch von anderen Menschen zu lernen, wie jeder jüdische Junge seiner Zeit: Von seinen Eltern, in der Synagoge und vielleicht auch in der Schule. Jesus brauchte keine Lehrer, das ist sicher wahr. Aber vielleicht hat er sich dennoch Lehrer gesucht. Jesus hätte kein Boot gebraucht, um den See Genezareth zu überqueren (Mt 14,22-33). Dennoch hat er meistens eines benutzt. Jesus hätte kein Brot gebraucht, um satt zu werden (Mt 4,3). Dennoch hat er mit seinen Jüngern gegessen. Jesus hätte nicht am Kreuz für uns sterben müssen (Mt 26,53). Dennoch ist er diesen Weg gegangen. As ist das Wunder der Menschwerdung, an das wir uns in diesen Weihnachtstagen erinnern: Jesus wurde ein Mensch, so wie wir. Er hatte Hunger und Durst wie wir. Er konnte lieben, lachen und weinen wie wir. Und ich bin überzeugt, er lernte Lesen und Schreiben wie wir, er lernte die Bibel- und Gesetzesauslegungen seiner Zeit kennen wie seine Altersgenossen, er erlernte einen ganz normalen Beruf. Jesus hatte viele Lehrer. Das nimmt ihm nichts von seiner Größe, im Gegenteil: Darin liegt die Größe Gottes, dass er sich klein macht und so wird wie wir. Und gerade deshalb lohnt es sich, die jüdische Welt des ersten Jahrhunderts besser kennenzulernen: Es ist die Welt, in die hinein Gott ein Mensch wurde.

Ein Kommentar zu “Brauchte Jesus Lehrer?”

  1. jakob.simon 26 Februar 2011 at 09:12 #

    Hallo Herr Baltes,
    ich finde Ihren Artikel hochgradig interessant und haben mir auch meine Gedanken zu Ihren Denkanstößen gemacht. Unter anderem auch zu dieser “These”. Ich finde Ihre “geschichtliche” Antwort hier im Blog ebenfalls sehr interessant und stimme mit Ihren Gedanken der “geistlichen” Antwort überein.
    Dennoch möchte ich noch etwas hinzufügen:
    Ich bin der festen Überzeugung, dass Jesus, wie es im als Redewendung so schön sagt, die Weisheit mit Löffeln gegessen hat und keiner Lehrer benötigte. Hauptgrundlage meiner Argumentation sind zum einen die Bibelstellen, die sie ebenfalls vorlegen und Johannes 2,41-52 (Der zwölfjährige Jesus im Tempel)
    So steht geschrieben, dass er bereits mit zwölf die Schriftgelehrten im Tempel zum staunen brachte über seinen Verstand (Vers 47).
    Genauso bestätigt aber dieser Abschnitt auch wieder die Menschwerdung Gottes, denn auch der zwölfjährige Menschensohn ordnet sich seiner Familie unter (Vers 51).
    Doch scheinbar wusste auch der Zwölfjährige Jesus noch nicht das alles was der Jesus weiß, der am Kreuz für unsere Sünden leidet (Vers 52).
    Ich denke sowohl der Heilige Geist (denn das Reden und Handeln Jesu war revolutionär) als auch der von Ihnen beschriebene Unterricht lehrten Jesus (Bibelwissen AT, etc.)

    P.S.: Ich finde es sehr gut, dass Sie Ihre Argumente (fast) immer mit Bibelstellen belegen

    P.S.S.: Vielleicht haben ja die zitierten Rabbi (Rabbi Simon ben Menasia u. Rabbi Eliezer ben Hyrkanos) bei Jesus abgeguckt (schließlich fanden sich auch bekehrte Pharisäer in der Urgemeinde);-)

    Gesegnetes Dienst wünsche ich Ihnen


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