Wenn Gott asymmetrisch erscheint
Jesus spricht über das letzte Gericht – der Text steht in Matthäus 25,31-46. Diese Rede Jesu ist formal ziemlich parallel aufgebaut. Die „Gesegneten“ werden den „Verfluchten“ gegenübergestellt. Ihre Handlungen werden parallel in fast gleichem Wortlaut beschrieben – es finden sich nur wenige stilistische Abweichungen.
In so einem symmetrischen Text fallen dann besonders die ungleichen, asymmetrischen Elemente auf, und hier kann man besonders nach einer speziellen Aussageabsicht suchen.
1. Die Frage nach dem Segen
Die erste Gruppe wird angeredet als „die Gesegneten“, die zweite als „die Verfluchten“. Warum ist die erste Gruppe gesegnet? Wie neulich erwähnt wohl auch deshalb, weil sie materiell etwas gehabt haben, das sie haben abgeben können: Nahrung, Kleidung, Wohnung. Die zweite Gruppe wird kritisiert, weil sie nichts abgegeben haben. Dieser Vorwurf Jesu ist nur dann sinnvoll, wenn sie das eigentlich hätten tun können. Sie müssen also auch Materielles zur Verfügung gehabt haben.
Demnach wäre die zweite Gruppe – zumindest in dieser Hinsicht – auch gesegnet gewesen. Das Gesegnetsein der ersten Gruppe gilt unausgesprochen auch für die zweite. Das Verfluchtsein der zweiten Gruppe gilt dagegen nicht auch für die erste. Darin spiegelt sich für mich Gottes Wesen wider, der oft ungleich und asymmetrisch ist: Sein Segnen überwiegt sein Verstoßen. Gott verstößt, jawohl – aber nicht von Herzen. (Klagelieder 3,33) Sein Segen kommt jedoch von Herzen. In dieser Weise ist Gott asymmetrisch.
2. Die Frage nach der Vorherbestimmung
Ein weiteres asymmetrisches Element findet sich, wenn wir darauf achten, wie Jesus beschreibt, was für die beiden Gruppen jeweils vorbereitet ist. Für die Gesegneten ist das Reich (Gottes) von Grundlegung der Welt an vorbereitet. (V. 34) Man würde von der Struktur des Textes jetzt eine parallele Aussage über die Verfluchten erwarten – aber siehe da: bei ihnen redet Jesus anders. Den Verfluchten droht das ewige Feuer – aber das ist nicht für sie, diese Menschen, vorbereitet, sondern für „den Teufel und seine Engel“. (V. 41) Das zieht zwar wieder viele Fragen nach sich (müssen wir Näheres über die Engel des Teufels wissen?) – aber eins ist klar: Es gibt nach diesem Text keine „Hölle“, die von vornherein für bestimmte Menschen vorbereitet wäre. Und auch keine Menschen, die von vornherein für die Hölle bestimmt wären. Nach dieser Rede Jesu ist für den Teufel Verwerfung vorbereitet – und es gibt Menschen, die sich (leider) durch ihr Verhalten auch an diesen Ort bringen. An einen Ort, der eigentlich nicht für sie da war. Auch diese Asymmetrie zeigt also Gottes Absichten.
Fazit 1: Es lohnt sich, auch auf formale Strukturen von Bibeltexten zu achten.
Fazit 2: Gottes Gnade liegt ihm am Herzen und ist sein eigentliches Werk. Wenn Gott verwirft, ist das auch sein Werk, aber es liegt ihm nicht nahe, es ist ihm „fremder“.
(Erwägungen, die aus einem speziellen Text gewonnen sind, aus einer Perspektive – nicht aus einer Gesamtbetrachtung.)
